Gestern habe ich ja sehr viel geschlafen, wenn auch mit zahlreichen kurzen Pausen. Nicht nur in der Nacht, sondern auch am Vormittag.
Heute Nacht schlief ich trotzdem schnell ein, wurde aber schon bald wieder wach, weil es sehr laut war. Ob ich zu schnarchen begonnen habe - trotz Maske - oder ob ein Auto draußen Lärm machte, weiß ich nicht.
Mit Sicherheit hat der Nasenspray nicht richtig gewirkt. Also stand ich auf und sprühte nochmal in das Nasenloch, das total verstopft war. Dann legte ich mich wieder ins Bett: und aus. Ich konnte nicht mehr einschlafen. Über eine Stunde lag ich wach. Mir fiel die neue Werbung für ein Produkt gegen Schlaflosigkeit ein: Eine Frau liegt im Bett und versucht einzuschlafen. Aber das kann sie nicht, weil eine andere Frau neben ihr sitzt und ständig auf sie einredet. Genau das passiert ja auch wirklich wenn wir nicht schlafen können. Die innere Stimme (ich höre keine Stimme, es sind halt einfach nur Gedanken) geht alle möglichen Tagesereignisse durch, oder überlegt was man am nächsten Tag tun sollte, was man einkaufen muss und quatscht und quatscht noch über viele andere unwichtige Sachen. Man bringt sie nicht zum Schweigen. In meinem Fall klammerte sie sich irgendwann schließlich an ein Ereignis, welches im Internet gerade ein großer Aufreger ist.
Es ging um eine Katze wie diese hier. Sie war übrigens nicht tot, als dieses Foto gemacht wurde, ihr fehlten nur die vorderen Zähne. Man hatte sie halbtot auf der Straße gefunden und in ein Tierheim in der Slowakei gebracht. Wir haben sie zu uns genommen und wir haben sie geliebt, obwohl sie auch ursprünglich ein Streuner war. Dieses Schicksal hat sie sich nicht ausgesucht. Wenn man selbst eine Katze hat, leidet man noch mehr mit, wenn man so furchtbare Geschichten hört.Drei junge Männer haben eine hilflose Katze zu Tode gefoltert, lachend und johlend, haben die Szene auch noch dazu auf Video gebannt, um es dann ins Internet zu stellen. Sie habne sich sozusagen selbst entlarvt. Ein altes Sprichtwort sagt: "Auf hoher See und vor Gericht, bist du allein in Gottes Hand!" In diesem Fall drängte sich mir der böse Gedanke auf: Hat dieser Gott einen Namen? Wenn ja, welchen?
Im Vorfeld der Gerichtsverhandlung, bei der die Drei "mangels Beweise", also im Zweifel, freigesprochen wurden (da hat sich die Richterin wohl ziemlich gewunden), hat man gekonnt den Anwalt des Katers AUSGEBOOTET. Die Begründung: Die Frau, die mehr oder weniger als Halterin des Katers, vom Anwalt in der Sache vertreten wurde, hätte keine enge Beziehung zu dem Tier, weil der Kater ein Streuner sei. Warum kann man keine tiefe Beziehung zu einem Lebewesen haben, nur weil man sich nicht zum Besitzer aufspielt und es nur versorgt, weil man dieses Lebewesen eben liebt? Sonst würde man das ja nicht tun. Jedenfalls dürfe sie keinen Anwalt beauftragen, so wurde argumentiert, um die Rechte der Katze, für die sie sich verantwortlich fühlt, vor Gericht einzuklagen.
Damit auch niemand zu viel mitbekommt - diesen Eindruck erweckte das Gericht - wurde nicht öffentlich verhandelt. Man war also unter sich. Auch wenn es zum Teil um Jugendliche ging: die Männer haben selbst alles was sie taten öffentlich gemacht und sogar damit geprahlt. Vor Gericht sind sie dann schüchtern? Angeblich hat einer der Drei sogar auf Instagram ein weiteres Video gepostet, in welchem er erklärte, ab jetzt würde er noch mehr Tiere quälen. Der Freispruch ist offenbar in seinem Verständnis schon fast ein Freibrief.
Wie unwichtig und machtlos muss man sich fühlen, sodass man es nötig hat, über ein wehrloses Tier Macht und Gewalt auszuüben, um sich stark fühlen zu können. Burschen ihr seid nicht stark. Ihr seid totale Schwächlinge. Einen Wehrlosen besiegen kann jeder Trottel.
In Norwegen und in Dänemark lernen die Kinder in der Schule Mitgefühl mit anderen, auch mit Tieren. Täte auch den Kindern in Österreich gut.
Nachdem sich diese Geschichte in meinem Kopf verfangen hatte, war es sinnlos, weiter auf Befreiung davon zu warten. Ich stand auf.
Noch eine seltsame Idee kam mir in den Sinn, die mich seit kurzem beschäftigt. Irgendwie hatte ich zeitweise das Gefühl, meine verstorbene Mutter sei anwesend. Es ist nicht so, als würde ich in Erinnerungen schwelgen, sondern tatsächlich so, als wäre da ihre Präsenz. Kurz nachdem sie starb träumte ich, sie wolle ins Haus und deshalb rief sie nach mir. Ich verwehrte ihr den Eintritt.
Ich hatte für sie mehr oder weniger mein Leben aufgegeben, als sie alt und krank war. Wirklich verdient hatte sie das nicht. Sie hätte dasselbe für mich sicher nicht gemacht, wäre es umgekehrt gekommen. Diese Frau war etwas schwierig. Ich war meiner Verpflichtung nachgekommen, ihr Tod hatte mich aber von dieser Verpflichtung befreit. Ich wollte ihr nie wieder begegnen, also nicht in einem nächsten Leben.Jetzt habe ich etwas Abstand. Vielleicht entspricht mein Gefühl einer realen Situation? Das weiß ich natürlich nicht, weil es keine objektiven Beweise dafür gibt. Es ist eben nur ein Gefühl, ein flüchtiger Gedanke. Trotzdem werde ich mich auf sie konzentrieren und versuchen heraus zu finden, ob ich mir das nur einbilde, oder eben nicht. Sollte es wirklich so sein, braucht sie möglicherweise die Bestätigung, dass ich ihr alles verziehen habe, was sie besser nicht getan hätte. Für mich wäre das eine Chance, einen Beweis dafür zu erbringen, dass wir nicht einfach verschwinden wenn wir sterben.
Und jetzt muss ich doch mitten in der Nacht wieder trainieren. Was soll ich sonst tun, wenn ich nicht schlafen kann?












